XING vs. LinkedIn – der ewige Pessimismus nervt

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat der Suchmaschinenbetreiber Google sein Netzwerk Google+ bekannt gegeben. Dieser Schritt war für viele doch recht überraschend. Es dauerte auch nicht sehr lang, bis die ersten Stimmen laut wurden, dass Facebook und Twitter nun einpacken könnten. Google+ wurde schnell als DAS einzig wahre Social-Network gehandelt. Eine Debatte, welche wohl ähnlich sinnvoll zu führen ist wie iOS vs. Android oder Mercedes vs. BMW.

Dass ich hinsichtlich dem Niedergang von Twitter und auch Facebook etwas anderer Meinung bin, habe ich in meinen Artikeln „Twitter ist tot – Es lebe Twitter | Warum Google+ Twitter nicht schadet“ und „Vergesst XING, LinkedIn, Facebook und Twitter – jetzt gibt es Google+“ ausführlich dargelegt.

Heute Morgen dann die Pressemeldung vom Business-Netzwerk LinkedIn, dass man in Deutschland ein Büro eröffnet hat und die Expansion im deutschen Markt nun direkt aus München vorantreiben wolle. Dann passierte das, womit man wohl heute – leider – immer rechnen muss: es gab Statements bei Twitter oder auch Blogposts, dass XING nun einpacken könne und LinkedIn den deutschen Markt für sich gewinnt.

„Och Kinners“ dachte ich mir. Nur weil da ein grosses international agierendes Unternehmen ein Büro eröffnet muss man doch nicht gleich wieder x-fach durchgekaute Diskussionen auf den Tisch bringen. Klar, LinkedIn ist international im Bereich Geschäfts-Netzwerke der Marktführer mit über 120 Millionen Mitgliedern. XING ist Marktführer im DACH-Gebiet und hat weltweit etwas über 11 Millionen Mitglieder. Dass da Welten dazwischen liegen ist deutlich erkennbar. Aber heisst das auch etwas?

Würde XING sich internationaler engagieren (was ich persönlich begrüssen würde), könnte man diese Zahlen sicherlich miteinander vergleichen. Zum aktuellen Stand fokussiert sich des Hamburger Unternehmen jedoch auf die Regionen D-A-CH, Spanien und die Türkei. Nimmt man die Mitgliederzahlen von LinkedIn für eben diese Bereiche wäre ein Vergleich sinnvoll. Leider habe ich keine Detailwerte von LinkedIn hierzu vorliegen. Dies ist aber auch gar nicht mein Thema dieses Artikels.

Pessimismus statt Optimismus

Mich nervt es schlicht und einfach, dass immer gleich alles kaputt geredet wird. So schreibt zum Beispiel Martin Weigert auf netzwertig.com:

Xing wird kurzfristig das dominierende Netzwerk bleiben, aber Schritt für Schritt an Aktivität und Attraktivität einbüßen (ich habe Zweifel, dass der Relaunch daran etwas ändern kann).

Es ist seine Ansicht und seine Prognose, ok. Warum aber kann man einem Unternehmen nicht einfach einmal die Credits geben und eine Chance, sogar eine gute Chance einräumen? Immerhin schreibt Martin im gleichen Artikel etwas vor oben zitiertem Satz:

Ich war immer ein Freund von Xing, einer Plattform, die mir schon viele Male geholfen und mir einst sogar eine Anstellung verschafft hat. Auch bin ich der Meinung, dass Xing seine Plattform im Vergleich zu anderen “alteingesessenen” deutschen Social Networks einigermaßen zeitgemäß weiterentwickelt hat.

Diese positiven Erfahrungen und die Hilfe, einen Job gefunden zu haben, sollten doch Grund genug sein, diesem Netzwerk etwas mehr Vertrauen entgegen zu bringen.

Allein dieser ganze Bash gegen XING im Zuge des Relaunches. Ja, da wurden sicherlich Fehler gemacht. Aber die Hamburger haben danach auch gezeigt, dass man sich der Kritik der User stellt und einzelne Punkte nachbessert. Auch das Geschrei „XING kopiert Facebook“ etc. weil man einen Newsstream, einen Interessant-Button usw. eingeführt hatte, ist meiner Ansicht nach einfach albern. Bestimmte Dinge setzen sich im Markt nun einmal durch und warum soll ein Anbieter hier hinten anstehen?

Genauso wie ein Tablet nun eben mal aussieht wie ein Tablet und sich hier Formen und Bauweise durchsetzten, so gibt es auch im Bereich der sozialen Netzwerke Tendenzen, welche sich so oder so ähnlich in allen Netzwerken finden lassen. Oder gibt es tatsächlich jemanden, der dieses Gerichts- und Patentspielchen zwischen Apple und Samsung als sinnvoll und realitätsnah ansieht?

Vor ca. 1 Jahr hatte Robert Basic sich dem Thema eher allgemein gewidmet und schilderte, warum ein XING-Wettbewerber recht gute Karten habe. In meiner Replik auf diesen Artikel habe ich ausgeführt, warum ich der Meinung bin, dass ein XING-Wettbewerber eben eher keine guten Karten hat. Daran hat sich für mich bis heute auch nicht wirklich etwas geändert. Es gibt ganz klar Dinge bei XING, welche ich nicht so gut finde oder gern anders hätte. Ist aber normal, da ich nicht glaube, dass es DIE perfekte Plattform gibt.

Um nochmal auf den Artikel von Martin Weigert zurückzukommen: er schreibt u.a. auch

[…] Zumal ich es persönlich Leid bin, ständig Präsenzen bei zwei Businessnetzwerken pflegen zu müssen. Momentan füge ich geschäftliche Kontakte stets bei beiden Diensten hinzu (und überraschend viele besitzen auch tatsächlich Profile bei beiden). Ein dauerhafter Zustand kann dies nicht sein.

Die Erkenntnis, dass viele seiner Kontakte auch auf der jeweils anderen Plattform ein Profil haben, ist für mich nicht so überraschend. Aber es sagt meiner Ansicht nach nicht sonderlich viel aus. Für Menschen die im Social-Web aktiv sind ist es fast schon normal, sich auf den verschiedenen Netzwerken ein Profil anzulegen. Ich habe auch eines bei LinkedIn. Seit ich dort registriert bin war ich aber nur sehr sporadisch eingeloggt und bin bei LI sogesehen inaktiv. XING hingehen ist bei mir täglich geöffnet und ist auch eine meiner Startseiten wenn ich den Browser öffne.

Warum ist das so? Ich komme einfach nicht mit dem System von LinkedIn klar. Es ist mir zu unbequem, zu kompliziert und entspricht in den meisten Punkten nicht meinen Erwartungen. Dies ist eine subjektive Feststellung und es steht jedem eine andere Meinung zu. Sieht man einmal von der höheren Internationalisierung ab, so sehe ich bei LinkedIn keinerlei Punkte, welche mich zu einem Wechsel bewegen könnten. Und selbst die grössere internationale Klientel ist für meine Zwecke nicht wirklich relevant. Und dies wird wohl auch bei einem grossen Teil der anderen XING-Nutzer der Fall sein.

Spricht wirklich etwas für eine Nutzerwanderung?

Auch das Thema Datenschutz ist nicht zu vernachlässigen. Die momentan geführte Debatte über Facebook (Google wird hier sicherlich auch demnächst ins Visier geraten) zeigt, dass die deutschen Datenschützer es nicht gebacken bekommen, die Anbieter entsprechend den geltenden Regelungen unter Kontrolle zu bekommen und nun den Weg gehen, die Nutzer zu bestrafen. Diese können aber gar nichts dafür, was für die zuständigen Institutionen aber wohl nicht weiter relevant zu sein scheint.

Ich persönlich fände es gut und hilfreich, wenn man einem etablierten Dienst, welcher noch dazu aus Deutschland kommt und auch hier seinen Sitz hat etwas mehr Vertrauen entgegenbringt. Ein in Deutschland ansässiges Unternehmen muss sich der deutschen Gesetzgebeung und den vorhandenen Regelungen unterwerfen. Dies tut XING und hat somit in gewisser Weise einen Wettbewerbsnachteil gegenüber LinkedIn. Dennoch hat sich XING bisher als Marktführer behaupten können, und dies, obwohl LinkedIn bereits seit 2009 auch mit einer deutschsprachigen Oberfläche verfügbar ist.

Ob und wie sich der Markt entwickelt ist wohl nur schwer abzusehen. Die Amerikaner bringen recht viel Geld aus dem Börsengang mit. Aber eine Plattform lebt nur durch Nutzer. Es bedeutet also, dass wir es selbst in der Hand haben, wo wir zukünftig geschäftlich netzwerken möchten. Lese ich mir die Tweets der letzten Wochen und Monate durch oder auch die Blogeinträge im Zuge des Relaunches von XING oder der Meinungen zu Google+, so ist XING und die Nutzung als geschäftliches Netzwerk für einige obsolet. Warum sollten diese Nutzer nun zu LinkedIn wechseln? Auch gibt es meiner Meinung sehr viele Nutzer, welche die Möglichkeiten von XING bzw. sozialen Netzwerken allgemein noch überhaupt nicht richtig erfasst oder verstanden haben. Auch diese Nutzer werden wohl eher nicht zu LI abwandern.

In Hamburg kann man sich sicherlich nicht bequem zurücklehnen und Däumnchen drehen – dies wird man sicherlich auch nicht tun. Aber nun in Panik zu verfallen? Der eingeschlagene Weg ist aus meiner Sicht richtig und die Art, wie man im Zuge des Relaunches mit der Nutzerkritik umgegangen ist zeigt auch, dass man die Anwender seitens XING ernst nimmt.

Fazit

Lassen wir also die Dinge auf uns zukommen, geben einheimischen Unternehmen eine Chance und nehmen nicht jede Kleinigkeit zum Anlass, Dinge totzureden oder totzuschreiben.

 

(Disclaimer: Ich bin XING Premium-Mitglied, Moderator einiger XING Gruppen und XING Ambassador für die Region Jena; ich werde nicht von XING bezahlt und wurde auch nicht von XING beauftragt diesen Artikel zu verfassen)

Steve Rueckwardt

Veröffentlicht von

steve-r.de

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vergessen wir auch nicht, dass XING durch die Schaffung unzähliger Gruppen Interessensgemeinschaften geschaffen hat, die die Kultur der persönlichen Begegnung durch Gruppentreffs und Initiativen in eine neue Ära gebracht hat. Das schlief vorher, bzw. war nicht so einfach organisierbar wie heute. Hier hat XING im Vergleich zu anderen Netzwerken durchaus ein Spitzenposition.

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