Kinder im Social Web? Ja doch, bitte!

Das Internet und speziell das Social Web hat in den letzten Jahren einiges verändert. Nahezu jede_r ist in der Lage zu publizieren. Egal ob Texte, Bilder, Videos, Musik… Die Hürden sind relativ gering und erweitern somit die Möglichkeiten für viel mehr Leute, ihr Leben, ihr Hobby, ihre Leidenschaften zu teilen.

Gestern ging mal wieder ein Tweet durch meine Timeline, vielmehr ein ReTweet:

Ein Tagesspiegel-Artikel wird dort empfohlen. Die Überschrift:

Das Zurschaustellen der eigenen Kinder im Internet ist Missbrauch

Wenn ein Artikel schon eine solche Überschrift hat, verspüre ich wenig Lust selbigen zu lesen (habe es letztlich dennoch). Eine derartige pauschale Aussage führt in den meisten Fällen zu nicht viel neuer Erkenntnis. Ich habe diesen Tweet mit dem Kommentar „So ein Bullsh…“ versehen und in meiner Timeline geteilt. Direkt darauf folgend schrub ich noch:

Auf meinen kommentierten ReTweet folgend entstand ein Twitterdialog mit Romy, die meinem Kommentar nicht zustimmte. Im Laufe der Diskussion, welche hier nachlesbar ist, kam oftmals das Thema auf, dass es ok wäre, wenn Kinder gezeigt werden, aber nicht ihre Gesichter. Auch hätten Kinder Rechte und Eltern Pflichten. Kinder können sich nicht gegen das wehren was ihre Eltern posten etc. etc.

Ich möchte das keinesfalls kleinreden, es ist mir schlicht nur zu pauschal, in Teilen zu kleinlich und in anderen Teilen erscheint es mir falsch. Da dieses Thema auch beim letzten ccb in einer Session thematisiert wurde, will ich diesen Artikel dazu nutzen, meinen Standpunkt dazu niederzuschreiben.

Sollen Kinder im Social Web stattfinden?

Kinder im Social Web (Quelle: geborgen-gewachsen.de)

Die grundlegende Frage die ich mir stelle: sollen Kinder im Social Web stattfinden? Meine Antwort: Ja, bitte. Sehr gern, unbedingt sogar!

Vorausschicken muss ich an dieser Stelle, dass ich (noch) keine eigenen Kinder habe. Aber in meinen Timelines, Feeds und Streams finde ich viele Eltern. Viele die das Leben mit ihren Kinder teilen. Viele, die auch ihre Kinder dabei zeigen. Ich finde das toll.

Verstossen diese Eltern nun gegen Rechte? Schaden diese Eltern ihren Kindern? Ich finde nein. Das Social Web hat uns in die Möglichkeit versetzt unser Leben, unsere Erfahrungen und Eindrücke mit anderen zu teilen. Dies kann die Familie sein, die evtl. verstreut in der Welt wohnt. Das können darüber hinaus Freunde und Bekannte sein, welche man gern an am eigenen Leben und den neusten Geschehnissen teilhaben lassen mag. Das kann aber auch die (potentiell) ganze Welt sein.

Ist das verwerflich? Ist das Teufelswerk? Ist das ein Rückschritt in der Geschichte der Menschheit? Nein, sagen da sicherlich viele, das ist toll. Ich sehe das genauso. Es ist absolut toll, diese Möglichkeiten zu haben. Und nun kommen Kinder ins Spiel und das ändert plötzlich alles?

Kinder sind Teil unseres Lebens, ein wunderschöner Teil sogar. Warum genau sollte man diesen Teil auslassen, verstecken, nicht stattfinden lassen? Dies erscheint mir absolut unverständlich und ich fände es sehr schade, würde dieser Teil aus dem Social Web verschwinden.

Verantwortung und Selbstverständlichkeiten

Da stehen nun die Argumente mit den Rechten des Kindes, der Verantwortung der Eltern, die Gefahren etc. im Raum. Ja, Kinder haben Rechte. Ja, Eltern haben Verantwortung und ja, es gibt da draussen in der Welt Gefahren. Menschen die es nicht gut mit anderen meinen. Das kann und darf man nicht ausblenden. 

Nun ist es ja so, dass wir Eltern in der Regel auch nicht in die Erziehung ihrer Kinder reinquatschen (also im Normalfall zumindest). Wir gestehen Eltern zu, die passenden Entscheidungen zu treffen. Sei es der Kauf von Kleidung, Essen, die Auswahl des Kindergartens und der Schule, die Wahl des Urlaubsortes, ob das Kind diesen oder jenen Film (mit)sehen darf, welches Spielzeug, welche Bücher, Computerspiele oder Internetseiten genehm sind. Eltern haben hier Verantwortung, keine Frage.

Klar posten wir von uns in der Regel nur Bilder die wir ok bis sehr gut finden. Die Kinder können diese Auswahl (zumindest bis zu einem gewissen Alter) nicht treffen. Aber warum spricht man Eltern pauschal ab, bei der Wahl eines Bildes, auf dem das Kind zu erkennen ist, verantwortungsbewusst gehandelt zu haben? Wieso nimmt man sich das Recht heraus, diese Handlung als falsch zu verurteilen und gegen das Wohlergehen des Kindes auszulegen?

Um Missverständnisse zu vermeiden: es geht hier nicht um Bilder, auf denen die Kinder nackt sind. Es geht nicht um Bilder die das Kind in einer unangenehmen Situation zeigen. Es geht um Bilder die einfach nur ein Kind zeigen, im Alltag mit seinen Eltern, Geschwistern oder auch allein z.B. wie es gerade auf einer Wiese spielt. Ich denke schon, dass Eltern bei der Auswahl der veröffentlichten Bilder ihrer Kinder ebenso bewusst und überlegt handeln, wie sie es auch bei Bildern von sich selbst tun. Zumindest spreche ich dies den Eltern nicht pauschal ab.

Technik und Fehlentscheidungen

Selbstverständlich trifft es zu, dass auch viele Bilder an die Öffentlichkeit gelangen, die dort gar nicht platziert werden sollten. Dies liegt nicht selten daran, dass viele Menschen nicht wissen, wie in welchem Netzwerk welche Einstellungen zu treffen sind, so dass diese Bilder eben nur ein bestimmter Personenkreis sehen kann. Sicherlich triff es auch zu, dass nicht wenige Menschen mit den Wirkungen und Möglichkeiten des Internets (noch) nicht so vertraut sind und in diesem Zusammenhang falsche Entscheidungen treffen.

Das ist aber ein anderer Punkt, wie ich finde. Das sind Dinge die sich ändern lassen. Warum nicht die betreffenden Personen in seinem Netzwerk einfach anschreiben und nachfragen, ob das so gedacht war, dass diese Bilder für diesen und jenen Personenkreis auch sichtbar sind bzw. dass sie komplett öffentlich sichtbar sind? Das gilt im Übrigen nicht nur für Bilder von bzw. mit Kindern.

Natürlich gibt es auch Eltern die Bilder veröffentlichen – sei es eingeschränkt oder komplett public – die eine gewisse Grenze überschreiten, weil z.B. das Kind unbekleidet zu sehen ist. Auch hier hilft es, diese Menschen direkt anzusprechen, idealerweise per Nachricht, nicht öffentlich. In den meisten Fällen, da bin ich ziemlich sicher, handelt es sich um ein Versehen oder Unwissenheit und diese Menschen sind Euch dankbar für einen Hinweis darauf. Ich habe dies selbst schon gemacht und die Eltern waren sehr dankbar für den Hinweis, da hier 2 Bilder in den Upload gelangten, welche da nicht beabsichtigt waren, auch wenn der Teil, der sie sehen konnte sehr eingeschränkt war.

Fazit

Eine Verurteilung von Menschen die Kinder haben und ihr Leben mit selbigen auch im Social Web nicht verstecken, halte ich für falsch. Gerade in unserer Gesellschaft wird eine gewisse Feindlichkeit Kindern und Menschen mit Kindern gegenüber beklagt. Diesen Teil des sozialen Lebens nun aus sozialen Netzwerken oder dem Internet allgemein zu verbannen kann nicht der richtige Weg sein und setzt falsche Signale.

Man darf Eltern durchaus zugestehen, auch in diesem Feld bewusste und klare Entscheidungen zu treffen und diese nicht automatisch dem Wohl des Kindes schaden. Man sollte Eltern nicht die Verantwortung absprechen, nur weil sie sich dafür entschieden haben, dass ihr Leben mit ihrem Kind etwas ist, das zu einem gewissen Teil auch in der (Teil-)Öffentlichkeit stattfindet.

Jeder der seine Kinder nicht oder nur unkenntlich zeigen möchte, sollte dies genauso tun bzw. lassen dürfen wie jene, die ihre Kinder erkennbar auf Bilder teilen. Weder das eine noch das andere ist grundlegend als verwerflich zu betrachten. Eine pauschale Verurteilung finde ich falsch und lehne sie entschieden ab.

Und natürlich werden die Kinder ab einem gewissen Alter nicht jedes Bild super duper toll finden (wie andere Entscheidungen ihrer Eltern im Übrigen auch). Hier kann man dann gemeinsam mit dem Kind drüber sprechen, dessen Sicht der Dinge anhören und ab einen bestimmten Alter die Kinder auch in den Prozess welche Bilder nach draussen gehen mit einbeziehen. Neben der Frage „Mama/Papa warum habt ihr denn dieses blöde Bild von mir damals gepostet“ könnte bei einem Ausschluss des Kindes aus dem „Onlineleben“ der Eltern auch die Frage kommen:

„Mama/Papa, habt Ihr Euch eigentlich für mich geschämt oder warum habe ich bei all Eurem Internetleben überhaupt nicht stattgefunden?“

Wie vieles im Leben ist auch diese Thematik nicht einfach schwarz-weiss und es gibt manigfaltige Möglichkeiten damit umzugehen. Vergessen wir auch hier Werte wie Toleranz und Respekt nicht und lassen die Vielfalt des Lebens und der Gesellschaft einfach zu.

weitere Artikel zu diesem Thema:

Kinderfotos im Social Web – Wie gehen Eltern damit um?

Kinderfotos im Netz

Kinderfotos im Netz? Ja, bitte.

Das Recht am eigenen Foto

Kinderfotos im Netz – Ja oder Nein?

Kinderfotos auf Facebook: Die Wahrheit zwischen Naivität und Paranoia liegt im Motiv

Der Missbrauchsvorwurf zieht Schuld von Tätern ab

[Update 20.10.2015] Kinderbilder auf Facebook – über Risiken und Schreckgespenster


Bild: geborgen-gewachsen.de – @FrauMierau

Steve Rueckwardt

Veröffentlicht von

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18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: #Briefing: Theorizing The Web, Die Mär von "meinen" Daten

  2. Ein sehr schöner Beitrag zu dem umstrittenen Thema. Nicht einseitig und auf den Punkt.
    Auch wenn ich meine Kinder nicht erkennbar zeige, finde ich sollte jeder für sich entscheiden, ob und wie er seine Kinder zeigt. Es muss nicht gleich zur Lagerbildung führen. Es gibt immer Zwischenräume und nicht nur Schwarz oder Weiß…

    Liebe Grüße
    Stephi

  3. Hm… Wie viele Menschen kennen wir, die keinerlei Fotos von sich ins Internet stellen? Ziemlich viele. Nicht jeder mag das, vielleicht finden unsere Kinder das als Erwachsene auch sch**ße? Ich like die Kinderbilder anderer schon und finde sie toll, aber für mich habe ich entschieden, nahezu gar kein Kinderbild im Internet zu posten. Und wenn unbedingt, dann eben doch von hinten oder nur die Hände ect.

  4. Pingback: Das Recht am eigenen Foto | Das Nuf Advanced

  5. Schöner Artikel. Leider fehlt in vielen Fällen die Medienkompetenz der Eltern. Direkte Hinweise oder Empfehlungen enden nicht selten in Beschimpfungen. Das ist die Realität derzeit. Daher sollte weiterhin Aufklärung betrieben und permanent auf die Gefahren des öffentlichen Postings hingewiesen werden. Euphemistische Erklärungsansätze und Handlungsempfehlungen sind bei diesem Gefahrenpotential wohl unzureichend, da die Schäden für die Kinder irreversibel sein können.

  6. Ich finde die Diskussion geht mit der Reduktion auf Bilder noch nicht weit genug – die Kernfrage ist „Ab wann ist es sinnvoll, dass ein Kind eine digitale Identität erhält und wer befüllt diese mit Daten“. Und dann wird es wirklich schwierig … ist eine zur Geburt angelegte Mailadresse, vielleicht bei Google oder Apple, schon eine digitalte Identität, aus der sich Rückschlüsse ziehen lassen? Sind in sozialen Netzen auftauchende Daten schon eine eigene Identität?

    Diese digitalte Identität wird einen heute aufwachsenden Menschen das ganze Leben über begleiten und mit steigender Zahl an Daten immer wertvoller (und zugleich anfälliger). Ein Wechsel dieser Identität, der früher schlicht und einfach z.B. über eine andere Mailadresse möglich war wird immer schwieriger – wenn das Smartphone und damit ein Konzern immer weiss, wo man grade ist, was man grade tut und wen man kennt wird ein Wechsel der „primären“ ldentität nahezu unmöglich.

    Erziehung zur Medienkompetenz und Verzicht auf Veröffentlichung von (erkennbaren!) Bildern schliessen sich gegenseitig nicht aus. Und ein Familienleben lässt sich auch mit unkenntlich gemachten Bildern für „Fremde“ dokumentieren.

    Aus technischer Sicht: Für z.B. die eigene Familie auf Dienste eines großen Konzerns zurückzugreifen ist keine Lösung – wirklich alles(!), was bei einem Konzern landet muss als öffentlich betrachtet werden, auch wenn die Inhalte aus Benutzersicht nur für den Personenkreis sichtbar sind, der beabsichtigt ist. Die Datenauswertung der Konzerne muss und wird sich um solche Einstellungen einen feuchten Kehricht kümmern und der digitalen Persona passende Daten hinzufügen (siehe dazu auch die Artikel vor kurzem, das z.B. Facebook „aus Versehen“ Daten zu Personen sammelt, die gar nicht bei FB registriert sind), die Möglichkeit dass sich jemand unbefugt Zugriff auf die Daten verschafft ist auch nicht von der Hand zu weisen (dazu den Diebstahl von Prominenten-Nacktfotos, u.a. von Jennifer Lawrence, neulich recherchieren).

    Und genau da hakt es, fürchte ich: Die meisten Menschen wissen entweder nicht, was sie an Daten erzeugen und an Dritte weitergeben (oder es ist ihnen egal) oder sie wissen nicht um die technischen Möglichkeiten zur Datenauswertung und -Korrelation, womit wir wieder beim Thema „Medienkompetenzerziehung“ sind, die auch bei den meisten Erwachsenen sehr schwach ausgeprägt sein wird.

    Viele Grüße,

    der Ponder

  7. „schrub“? Wozu benötigt ein starkes Verb eine weitere pseudo-starke Verbform? Das mensch das unter dem Label „kreativ“ für schwache Verben macht, vollkommen d’accord.

    • Steve Rueckwardt

      Ich erlaube mir so zu schreiben wie ich das möchte. Ebenso wie ich (bis auf Eigennamen) keinerlei ß dulde und mit ss schreibe, nutze ich hier und da auch gern schrub. :)

  8. Pingback: Kinderfotos im Netz – Ja oder Nein? « SPREEBLICK

  9. Pingback: Privatsphäre im Internet und Kinder im Netz | rosaundlimone

  10. Pingback: Denkt doch mal an die Kinder! #regrettingmotherhood - Vereinbarkeitsblog Vereinbarkeitsblog

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  12. Pingback: Reblogged Kinder im Social Web? Ja doch, bitte! | steve-r.de | Übermüdet

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