Politikgemeinde, ihr werdet das Spiel verlieren!

Die aktuellen Diskussionen über einen deutschen Bundestagsabgeordneten, der u.a. in der „Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft“ agiert, zeigen – endlich? – dass auch die Politik über Elemente verfügt, welche fehlbesetzt sind und einen vermeintlichen „Clash of Civilizations“ versuchen zu provozieren. Es ist der Kampf zwischen der schönen alten (politischen) Welt und dem realen Leben. Während so manche „analog natives“ den realen Menschen zur Gefahr erklären, vergessen sie dabei, dass es sich bei dieser Lebensform um die Art der Menschen handelt, welche vermehrt das neue, digitale Leben für sich entdeckt und mit ihm u.a. die Möglichkeiten der Freiheit.

Die Worte des Abgeordneten am heutige Tage erwecken den Eindruck, wir seien in der Zeit des Oscar nominierten Hollywoodfilms  „The Artist“ angekommen, und es gibt nur schwarz und weiss und keine Stimmen. Das ist die Gelegenheit, für jeden Bürger, sich zu überlegen, welche Politiker in den Parlamenten seine Stimme vertreten sollen. Auch die Bürger, welche (noch) nicht die neuen digitalen Möglichkeiten nutzen, sollten darüber nachdenken. Denn, liebe „Politikgemeinde“: Ihr werdet das Spiel verlieren! Und das ist nicht die Offenbarung eines lebensfrohen Optimisten, es ist die Perspektive eines politikinteressierten Menschen, der die neuen Möglichkeiten und deren Chancen zu schätzen weiss. Auch das Volk wird seine Mandatsträger entlassen. Und das Web 2.0 wird weiter in die Geschichte eingehen. Es stellt sich nur die Frage, wie viele Politiker bis dahin noch vergessen werden, für wen sie da eigentlich im Parlamet sitzen.

Es ist definitiv Aufmerksamkeit geboten. Auch wenn weiterhin versucht werden wird, das Web 2.0 als imaginäres Lebensgefühl einer verlorenen Generation darzustellen und die Möglichkeiten der digitalen Welt mit Restriktionen zu belegen: das Internet ist bereits Teil dieser Gesellschaft und dieser Teil wächst. Wenn wir nicht wollen, dass sich wenige grosse Unternehmen und aufmerksamkeitshaschende Politiker diese neuen Möglichkeiten für sich sichern, um damit ihre Macht und Kontrolle weiter auszubauen und die Freiheiten der Bürger zu regulieren; wenn wir nicht auf die verbrannte Erde unserer Kultur schauen wollen, und erkennen, dass es ein Fehler war, daran zu glauben, die Dinge würden sich schon von allein regeln, dann heißt es, jetzt wachsam zu sein. Also, Bürger, auf zur Wahl! Es lohnt sich, unsere bürgerliche Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen!

Diese bürgerliche Gesellschaft mit ihren Werten von Freiheit und Deomokratie, hat sich in mühevoller Arbeit aus den Barrikaden des restriktiven Zeitalters Möglichkeiten geschaffen, Informationen schnell und global zu teilen. Möglichkeiten sich direkt miteinander auszutauschenn und eben diese Werte wie Freiheit und Demokratie zu schützen und zu verteidigen. Damals, im Jahr 1969, wurde das Internet geboren. Eine Errungenschaft, welche man zu Recht zu den wichtigsten der Menschheit seit dem Buchdruck zählen darf! Endlich konnte man – unabhängig von Herkunft und Status – direkt und unkompliziert mit der ganzen Welt schnell, frei und offen kommunizieren. Das Internet sollte sich als Motor für Innovation und Entwicklung auf dem europäischen Kontinent, ja sogar weltweit, erweisen. Eine Errungenschaft, deren Bewahrung lohnt.

Die Freiheit des Internets ist in Gefahr

Sie ist durch wirtschaftliche und politische Interessen in Gefahr. Weil so mancher Politiker nicht erkennen und/oder verstehen will, dass sich die Welt weiter dreht und Dinge sich ändern. Dabei zeigen sie eine Ignoranz an den Ideen und Idealen unserer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. Denn es sind die Menschen, die hinter den Maschinen sitzen und eine andere Gesellschaft wollen. Die eine Freiheit wollen, die allen und nicht nur wenigen gehört. Es ist eine altbekannte Allianz aus Politik und Wirtschaft, die hier am Werk ist. Auch wenn sie sagen, sie meinen es gut – nur weil man sagt, man meine es gut, ist man es noch lange nicht.

Nun versucht Politik (im Auftrag wirtschaftlicher Unternehmen und Verbände) immer wieder ihren (vermeintlich) starken Arm zu zeigen. Doch Politiker dieser Welt, lasst euch zurufen: Auch wenn Ihr glaubt, durch Gesetztesvorhaben wie ACTA, SOPA und PIPA den Menschen, die Ihr (eigentlich) vertretet zu schützen, ist es doch der falsche Weg. Welche Hybris! Lasst euch gesagt sein: Das Wissen und vor allem die Weisheit der Welt liegen immer noch in den Köpfen der Menschen und sie haben erkannt, dass die „Schutzprogramme“ ein Türöffner für weitreichende Restriktionen sein können. Also, Bürger, geht auf die Barrikaden und zitiert Goethe und Schiller, die Bibel und den Koran oder auch Marx und Engels. Egal, ob aus einem gebundenen Buch oder mit Hilfe der neuen, digitalen Möglichkeiten! Aber egal, wen, woraus oder wofür Ihr zitiert: vergesst die Quellenangabe nicht!

Die fortschreitende Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft. Vieles wird einfacher. Diesen Text hätte ich auch mit Hilfe der Errungenschaften früherer Zeiten entstehen lassen können. Dies spielt aber keine Rolle, denn entscheidend ist, dass ich die Freiheit habe, selbst zu entscheiden, welchen Weg ich wähle. Wir sollten uns zu wehren beginnen, wenn einzelne Menschen hinter den vielen Schreibtischen von Konzernzentralen und Parteibüros uns unsere Lebensentwürfe vorschreiben. Noch ist es dazu nicht zu spät.

Wir dürfen die Gestaltung der Zukunft nicht denen überlassen, die sich als politische Avantgarde verstehen und meinen, sie wüssten, was das Beste für die Masse Mensch vor den Maschinen sei. Piraten sind dabei jedenfalls nicht der schlechteste Ratgeber – in der Poltik sogar offenbar mit der einzigste, den man halbwegs ernst nehmen kann.

Natürlich soll niemandem verboten werden, seine zweite Pubertät ohne Twitter, Facebook und Co. zu durchleben. Nur sollte man das nicht zum politischen Programm erheben, wenn man die Reichweite der Möglichkeiten nicht verstanden hat. Jetzt haben wir noch die Zeit, diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Wir brauchen den Citoyen, dem Werte wie Freiheit, Demokratie und Transparenz auch im Netz am Herzen liegen.

Der Autor ist parteilos. Sie erreichen ihn unter: @SteveRueck

 

(Hinweis/Disclaimer: Dieser Text bezieht sich überwiegend auf den Gastbeitrag des Bundestagsabgeordneten Ansgar Heveling im Handelsblatt, ist an manchen Stellen ein wenig überspitzt, bezeichnet jedoch im Fazit meine Sicht auf die Thematik. Als Quelle diente u.a. genau der Text des Herrn Heveling, welchen ich mit einigen Änderungen aus einem anderen Blickwinkel beleuchte. Ich bin keineswegs für die Abschaffung des Urherberrechts noch befürworte ich Raubkopiererei o.ä. Ich stelle jedoch die Art und Weise in Frage, wie Politik und Wirtschaft versuchen, ihre Interessen durchzusetzen und bin zudem der Ansicht, dass diese Methoden mehr Gefahren für unsere freiheitliche Demokratie bedeuten, als dass sie Nutzen bringen. Auch bin ich der Meinung, dass hier Politiker über Themen sprechen, von denen sie keine oder nur sehr begrenzte Ahnung haben.)

 

weitere Artikel zum Thema:

Markus Beckedahl hat die lustigsten Sätze des Heveling Artikels extrahiert: Die Büttenrede des Ansgar Heveling zur Netzpolitik

Spiegel-Online stellt fest: CDU-Hinterbänkler trollt die Netzgemeinde

Die Süddeutsche titelt: CDU-Abgeordneter sagt „Netzgemeinde“ den Kampf an

Auf Google+ sieht es Mirko Lange aus einer anderen Perspektive

Thomas Knüwer gibt die (nicht ganz ernstgemeinte) Replik: Zeitungsverleger, ihr werdet den Kampf verlieren!

In seinem Kommentar in der Süddeutschen fragt sich Stefan Plöchinger: Wie böse ist das Internet?

Und bei der taz knuddelt Falk Lüke den CDU-Abgeordneten Heveling.

Sascha Pallenberg kommentiert und fragt sich „…wuerde dies dann letztendlich bedeuten dass Heveling einfach nicht will, dass das schaebige Wahlvolk dies als Einladung zum mitmachen versteht?

Steve Rueckwardt

Veröffentlicht von

steve-r.de

I'm Steve and you are on my blog steve-r.de and I'm the author of this article. More about me you will find on the about me page, on Google+ or on my XING-Profile. You can also follow me on Twitter @SteveRueck and Instagram.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Zeitungsverleger, ihr werdet den Kampf verlieren!

Schreibe einen Kommentar