Mediale Berichterstattung – Auflage vs. Themenpriorität

Medien sind wichtig. Gerade in einer Demokratie ist guter Journalismus etwas, dass man als selbstverständlich ansieht. Journalisten sollten möglichst unabhängig und neutral über Themen berichten. Dies ist für mein Verständnis nicht zu 100% möglich, da in gewisser Weise immer die eigene Meinung in Berichte mit einfliesst. Dies kann die Art der Kameraführung sein, welches Bild oder auch welcher Bildausschnitt gewählt wurde oder auch, wie man welche Worte einsetzt. Dennoch sollte mAn ein Journalist versuchen objektiv zu berichten und verschiedene Sichtweise auf ein Thema zu beleuchten sowie Dinge zu hinterfragen.

Das dies nicht immer gelingt, und sogar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen passiert, zeigte der Fall aspekte im November 2011. Die staatlichen aber auch die selbstauferlegten Grundsätze wurden hier verletzt, man hält es jedoch für journalistisch vertretbar.

Derzeit werden die Headlines von Zeitungen und Medienseiten, die Nachrichten im TV sowie Twitterstream & Co. mit dem Thema #Wulff beherrscht. Begonnen hat alles mit einem Privatkredit vom derzeitigen Bundespräsidenten Christian Wulff bei einem längjährig befreudeten Unternehmer. Über mehrere aufgedeckte Zwischenthemen wird aktuell um das Telefonverhalten des Herrn Wulff debattiert.

Ich habe für dieses Thema eigentlich nur noch zwei Worte über: Es nervt!

Wie kann man nur…

WAS? Wie kann man den gegen eine offene Aufklärung durch Medien sein? Wie kann man denn jemanden verteidigen der offenbar Unrecht begangen hat?

Ja, schlimm, ich bin so demokratiefeindlich, und ungerecht, und überhaupt… ich sollte mich schämen. Tue ich aber nicht. Warum? Ganz einfach. Ich kann Medien nur noch schwer solche Themen glaubhaft abnehmen.

Dass diese leidliche Kreditaffäre nach 3 Jahren erst herauskommt, ok. Steht ja auch nicht am schwarzen Brett. Irgendwer hat hier geplaudert und den Medien einen Tipp gegeben oder man es hat selbst herausgefunden. Vielleicht hatte man es auch bereits seit längerem in der Schublade und nur auf den passenden Moment gewartet? Wie auch immer. Nun kommt aber eine „Skandal-Salve“ nach der anderen. Zuletzt eben die Anrufe beim Chefredakteur der Zeitung mit den 4 grossen Buchstaben. Nicht das dem schon genug wäre, nein. Zudem soll auch der Springer-Chef und Friede Springer von Wulff telefonisch kontaktiert und bedroht worden sein.

Um es abzukürzen: diese immer neueren „Entdeckungen“ werden wohl solange weitergehen, bis Wulff zurücktritt. Damit hätte man dann das Ziel erreicht. Fein, bitte Gruppenumarmung und eine Runde Laola-Welle. Die guten Medien haben wieder mal die Machenschaften der bösen Politiker aufgedeckt und einen der Bösewichte zu Fall gebracht.

Wie kann ich denn Wulff in Schutz nehmen? Tue ich eigentlich gar nicht, also zumindest nicht seine Person direkt, er ist nur ein Beispiel von vielen. Die Teenager-Affäre um Christian von Boetticher könnte man ebenso dafür heranziehen. Der hat sich jedoch etwas schneller geschlagen gegeben und kapituliert.

Zwei CDU-Männer führe ich als Beispiel an, ja klar, die Lieblings-Partei verteidigen. Dies wäre auch zu einfach, nicht? Man kann mir vieles nachsagen, aber sicherlich keine sonderlich grosse Nähe zur CDU. Aber um die Partei geht es hier auch gar nicht. Es geht um Medien und darum, wie diese agieren und Themen behandeln und vor allem: welche (!) Themen sie zu selbigen machen.

Was Wulff nun alles tut oder lässt – es ist unterm Strich vollkommen egal. Die Medien werden diese Kampagne – nichts anderes ist es in meinen Augen – solange durchziehen, bis er seinen Hut nimmt und sein Amt niederlegt. Spiel, Satz und Sieg! Fertig!

Und dann? Ja, dann erhofft man sich evtl. Folgen für die aktuelle Regierung, welcher Art auch immer. Oder aber es ist einfach ein persönliches Ding zwischen den Medien und Wulff? Keine Ahnung. Fakt ist, dass Medien Politiker bzw. Funktionäre allgemein solange hofieren, solange es ihnen nutzt. Diese Doppelmoral beschreibt auch Don Dahlman in seinem aktuellen Blogartikel „Der Wulff, die Medien und die Bigotterie„. Die taz stimmt in ihrem Artikel Wulff benimmt sich wie ein Provinzpolitiker, „Bild“ spielt über Bande – Die doppelte Bigotterie darin ein und fragt sich u.a.

Warum gelangt eigentlich eine solche Nachricht aus einer persönlichen Mailbox an andere Zeitungen? Wörtliche Zitate des Präsidenten inklusive? Warum passiert das erst drei Wochen nach dem Anruf? Zu einem Zeitpunkt, als die Aufregung um die Kreditaffäre bereits abgeflaut ist?

Wie sich der AB von Herrn Diekmann mit den Wulff-Anrufen anhören könnte, kann man bei soundcloud hören: WDR5 Politikum – Der AB von Diekmann – die letzte AB-Nachricht trifft es ganz gut!

Dass Wulff hinsichtlich der Kreditaffäre einen Fehler gemacht hat ist – soweit ich es mitbekommen habe – doch unstrittig. Klar, er könnte etwas kommunikativer sein, offener agieren und diese Häppchen-Taktik lassen. Wenn denn diese Anrufe tatsächlich der Wahrheit entsprechen, ist dies natürlich nicht ok. Aber so ein Bundespräsident ist auch nur ein Mensch und darf sich auch mal im Ton vergreifen, wenn er medial so unter Druck gesetzt wird. Ich finde dies nicht gut, betrachte es aber durchaus als menschlich.

Wie bereits geschrieben, so wird es wohl nicht viel nutzen. Das Ziel des Rücktritts wird man erreichen wollen und vorher warscheinlich auch keine Ruhe geben, neue Verfehlungen aufzudecken. Dann kommt ein neuer ins Amt, der wird aber auch kein perfekter Mensch sein und erst recht kein perfekter Politiker.

Was mich so nervt!

Warum ich mich hier so aufspiele? Weil es mich nervt, dass solche Themen die Medien beherrschen. Ja, der hat was falsch gemacht, es wurde publik, nun sollen sich die entsprechenden Gremien und sofern angemessen auch Staatsanwaltschaft etc. damit befassen. Gern darf man auch ab und an über den aktuellen Stand der Ermittlungen berichten. Aber über Wochen die Headlines aller Zeitungen, Zeitschriften und Medienseiten?

Was ist mit dem arabischen Frühling? Den Folgen von der BP-Ölkatastrophe oder Fukushima? Oder ganz naheliegenden Dingen, wie dem Thema, dass mitten unter uns, ein Mitgliedsstaat der EU, auf dem besten Weg zu einem diktatorischen System ist, die Pressefreiheit massiv einschränkt und seine Verfassung so ändert, dass eine Abwahl der rechtskonservativen Regierung nur noch schwer möglich ist?

Solche Themen sollten die Headlines und Nachrichtensendungen bestimmen. Hier sollten Medien berichten und alles tun, dass diese Themen nicht in die Vergessenheit geraten. Vielleicht hat dies die Folge, dass es eben keine reisserischen Überschriften werden, sondern vielleicht einfach wieder einmal über wirkliche Themen berichtet wird. Verkauft sich vielleicht nicht so gut, aber wäre ein gutes Stück in Richtung einer besseren und ehrlicheren Gesellschaft.

Dabei fällt mir ein: Wer deckt eigentlich die Vergehen von Journalisten auf und berichtet über etwaige Vorteilsnamen etc. durch ihren Beruf?

 

[Update 04.01.2012] Roland Klaus von mmnews.de fragt sich

Was steckt hinter der Hetzjagd auf Wulff?

[Update 05.01.2012]

Wohl einen der treffendsten Texte zum Thema las ich heute von Wolfgang Michal in seinem Artikel

BILD, du Schwert und Schild des deutschen Volkes!! Erlöse uns! (via Mirko Lange)

Ähnliche Gedanken lesen sich auch beim „Weltherrscher“. Ich stimme nicht 100% mit jeder Aussage überein, in der Konsequenz stimme ich dem jedoch zu: Wulffgate (via Kassandra)

Silke Engel vom RBB findet klare Worte: Die Dauer-Empörung nervt (via Mirko Lange)

[Update 07.01.2012]

Bei YouTube gibt es ein Video von solarkritik.de, welche die – nicht ganz unberechtigte – Fragestellung aufwirft, „Warum die BILD-Zeitung das Wulff-Gespräch auf dem AB nicht veröffentlichen will !!?!“ (via Thomas Knuewer)

 

Max Steinbeis schreibt auf verfassungsblog.de: Herrn Diekmanns Pressefreiheit ist nicht meine Pressefreiheit

Thomas Weiss schreibt auf dieganzewahrheit.org über den „Mensch Wulff“ – eine Sichtweise, die ich teile.

Für mich etwas überraschend, so scheinen langsam auch grössere Medien die Art und Weise der Berichterstattung etwas zu einsetig zu finden. Den Anfang macht hierbei die taz mit Ihrem – wie ich finde – sehr guten Artikel „Der Feldzug der „Bild“ passt ins Bild der eitlen Medien – Diekmanns Anmaßung„. Ich hoffe, eine etwas differenzierte Sichtweise kommt auch bei anderen Medienhäusern so langsam mal auf die Redaktionsschreibtische.

Nach einen Tweet von mir am Vormittag gab es einen längeren Tweetdialog mit @thistell, ich habe ihn via storify zusammengefasst und ein paar weitere Tweets zum Thema hinzugefügt.

Ulrich Dost kritisiert in seinem Artikel Wullf und rät ihm „Von der DDR lernen heißt siegen lernen, Herr Bundespräsident Wulff“ und legt eine Offenlegung seitens Wulff nahe. Aber auch der Zeitung mit den 4 grossen Buchstaben legt er eine Offenlegung nahe, der viel gepriesenen Transparenz wegen!

Eine (von warscheinlich vielen) Diskussion zum Thema Wulff gibt es auch bei einem Post von Robert Basic auf Google+.

[Update 08.01.2012]

In Andreas Schoutens Blog liest man über „Der böse Wulff und die Springer Blättlein?

Andreas Lerg schreibt „Die BILD dreht den Bundespräsidenten durch den Wulff

Michael Konitzer beschreibt in seinem Artikel „Diagnose einer Bagatell-Hysterie“ 4 Symptome der aktuellen Hysterie.

Christian Buggisch analysiert recht trefflich „Das Jahr des Wutbürgerleins

Felix Schwenzel kann sich in seinem Artikel „Würde durch Schweigen“ Christian Wullf bis zum Ende seiner regulären Amtszeit schweigend vorstellen.

Esther Ruppert-Lämmer diagnistiziert zum Thema mit „Nicht der Erste. Nicht der Letzte.

Beim ZDF stellt man 3 Fragen an Stefan Niggemeier zum Thema (via Michael Umlandt)

In seinem Artikel „Perpetuum Mobile“ widmet sich Stefan Niggemeier der Tatsache, dass ein mehr oder minder bereits seit Tagen bekannter Umstand, nämlich der Anruf von Christian Wulff auch beim Springer CEO Döpfer, nun nochmals als „neu“ in die Schlagzeilen gepackt wird. Und natürlich nicht bei B*** selbst, sondern wieder einmal über ein anderes „Leitmedium“. Immer schön dafür sorgen, dass das JoJo nicht still steht. Aber es geht ja um Transparenz. Und Pressefreiheit. Ach ja, und um Wahrheit, natürlich, auch um die Wahrheit… (via @yddras)

Richard Gutjahr hat mit „Politiker und Journalisten: Freunde, die einander verdienen“ einen sehr lesenwerten Artikel über die bisher gegenseitige Abhängigkeit von Politik und Journalismus geschrieben und stellt gleichzeitig fest, dass sich auch Journalisten einer grösseren Transparenz stellen müssen.

[Update 09.01.2012]

In einem weiteren Artikel schreibt Stefan Niggemeier über „Vom Glück, „Bild“ zu sein„. (via Mario Sixtus)

Michael Spreng schreibt in seinem Artikel „Am Tropf der Bild„:

Der Fall Wulff ist auch ein Versagen des kritischen Medienjournalismus.

Mit dem Kommentar „Kritik an Bundespräsident Wulff – Wider die Maßlosigkeit“ von Heribert Prantl auf sueddeutsche.de zeigt nun ein weiteres der grösseren Medien Kritik an der eigenen Zunft.

In seinem recht umfänglichen Artikel „Kampagne: Warum Wulff gegen seine Jäger beste Chancen hat“ beschreibt Arne Hoffmann u.a. die etwas verquere Selbstwahrnehmung von so manchem Journalisten.

[Update 11.01.2012]

Stefan Winterbauer schreibt: Warum das Publikum klüger ist als die Medien-Maschine – Wulff: Macht und Ohnmacht der Medien (via Richard Gutjahr)

Und Brigitte Baetz attestiert „Lust am (Hoch-)Kochen – Die Machtspielchen der Bild-Zeitung„. (via Hoffmann)

[Update 12.01.2012]

Im Interview mit der Berliner Zeitung fordert Günter Wallraff „Lebenslänglich für Wulff

[Update 16.01.2012]

Die taz-Redaktion stellt Kai Diekmann ein paar Fragen zu seiner Rolle in der medialen Kampagne. Die Antwort der Pressestelle des Springer-Verlages legt man im Artikel „Bild antwortet auf taz-Fragen – Diekmann wulfft sich raus“ dar.

[Update 20.01.2012]

Im Zuge der medialen Schlacht in der Causa Wulff hatte sich auch Hape Kerkeling geäussert und einen sehr interessanten und trefflichen Text zu seiner Sicht geschrieben. Kaum erschienen gab es heftige Debatten, ob es tatsächlich von Hape Kerkeling selbst geschrieben wurde. Meine Anfrage an das Hape Managment hatte leider keinen wirklichen Erfolg. Eine E-Mail Adresse ist nicht existent und unter der anderen kam lediglich die Rückinfo, dass man nur für die geschäftlichen Belange zuständig sei, über privates nicht. Eine weitere Nachfrage, blieb bisher unbeantwortet.

Soeben läuft auf NDR die Sendung „Tiedjen & Hirschhausen“ und Hape Kerkeling ist Gast. Bettina Tiedjen hat Hape auf eben dieses Statement angesprochen und bestätigt, dass er es auf seiner privaten Facebook-Seite geschrieben hat und kurz darauf seine Facebook-Seite seitens Facebook gesperrt wurde.

Steve Rueckwardt

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielleicht ist auch zu viel CDU an der Macht? Genau herausfinden werden wir es wohl nie, was so schlimm an dem Kredit ist. Gut, der Herr hätte von Anfang alles klar auf den Tisch legen können. Aber auch eine öffentliche Person ist immer auch eine private und kein Mensch ist perfekt. Ich finde es jedenfalls irrsinnig wie darüber hergezogen wird.

    • Steve Rueckwardt

      Ich denke, es spielt keine Rolle, welche Partei gerade am Ruder ist. Wenn es – wem auch immer – mit der SPD, Die Linke, Piraten etc. zuviel wird, dann wird man auch hier schnell kompromitierendes Material finden und eine mediale Welle lostreten, welche, selbst wenn sich herausstellt, dass es doch alles nicht so stimmt, einen Schaden beim Protagonisten hinterlässt…

      Ich will damit nicht sagen, dass Wulff oder jedweder andere Politiker/Funktionär unschuldig ist. Aber wie man mit soetwas umgeht ist mAn auf jeden Fall duskussionswürdig! Letztlich gibt es ein zeitlich begrenztes Skandal-Feuerwerk und Aufregung aber man „bekämpft“ immer nur die Symptome, in den allerwenigsten Fällen geht man die Ursachen an…

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