Scripted Reality – Kritik und die Frage: Ist die Gesellschaft selbst schuld?

Auf nahezu jedem Sender laufen sie: Formate wie Super Nanny & Co. Diese Sendungen stehen – gerade in letzter Zeit – heftig in der Kritik. Solche Sendungen werden neudeutsch auch als Scripted Reality oder Pseudo-Doku bezeichnet.

Es wird z.B. vorgeworfen, dass die Szenen gespielt bzw. gestellt seien. Ist diese Kritik berechtigt? Genau sagen kann man dies nicht. Schaut man die Sendungen, gibt es schon einige Stellen, an denen man sich fragt: „Wie kann in so ner Situation das TV Team einfach so filmen und nicht eher eingreifen?“. Auch gibt es etliche Szenen, wo Protagonisten interviewt werden bzw. Interviews eingeblendet werden, die entsprechende Situationen kommentieren. Andere Szenen wirken sehr unwirklich. Dies lässt vermuten, dass hier im Nachgang zusammengeschnitten wurde und Situationen nachgestellt worden sein müssen – anders ergibt es meiner Ansicht nach oft keinen Sinn.

Bereits vor ein paar Monaten gab es hierzu ein YouTube Video (konnte ich leider nicht mehr finden) zu einer RTL-Sendung mit Vera Int-Veen, in welchem Rohmaterial dieser Sendung gezeigt wurde und dieses mit dem im Fernsehen gezeigten Material verglichen wurde. Hier war die Manipulation klar ersichtlich.

Auch in den diversen Casting-Shows fragt man sich, warum bei gefühlt jedem zweiten Kandidaten im Einspieler immer wieder irgendeine Tränenstory ausgepackt werden muss. Natürlich ist es nicht schön, wenn jemand seine Eltern früh verloren hat, jahrelang auf der Strasse leben musste oder eine Drogenkarriere (alles wahllose Beispiele) hinter sich hat. Nur was hat das mit dem Thema der Sendung zu tun? Es geht doch um den Gesang oder das Talent oder ähnliche Themen.

Klar schaffen Emotionen beim Kandidaten, auch selbige beim Zuschauer. Er oder sie kann mitfühlen, Sympathien und Mitleid vergeben und wird somit gewissermassen an die Sendung gebunden.

Ist es gut, dass mit Zuschauern hier – offenbar – gespielt wird? Sicher nicht.

Ist es verwunderlich? Meiner Ansicht nach auch das nicht. Alle Sender haben wirtschaftliche Interessen, wollen und brauchen Quote um Werbung zu verkaufen und somit Umsatz zu machen. Es sind Wirtschaftsunternehmen, Konzerne – da spielt Ethik meist nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle.

Legitimiert dies aber das Vorgehen? Auch hier ein klares Nein!

Grundlegend sehe ich in vielen der Formate wie Super Nanny, Raus aus den Schulden etc. schon positive Aspekte. Ich glaube, dass es viele Dinge tatsächlich gibt und diese Dinge nicht fiktiv sind. Es gibt Familien, in denen Kinder geschlagen werden, in denen Eltern überfordert sind, in denen Menschen überschuldet sind usw.

Sollte man diese Themen aber nun tabuisieren? Ich bin der Ansicht nein. An der Art und Weise wie man diese Probleme darstellt und mit den betroffenen Personen/Familien umgeht muss jedoch gearbeitet werden. Denn bei konsumpf.de habe ich z.B. nachstehendes Video entdeckt:

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Die dortigen Aussagen über die Methoden des Teams werfen kein gutes Licht auf die Verantwortlichen. Stimmen diese Punkte, frage ich mich, wo die entsprechenden Aufsichtsbehörden für die Fernsehsender sind.

Im Beitrag wird darauf verwiesen, dass die Protagonisten einen Vertrag unterzeichnen müssen, der eine Strafe bei vorzeitigem Abbruch der TV-Aufnahmen androht und man die Leute damit auch unter druckt setze. Zudem wird erwähnt, dass ein solcher Vertrag vor keinem Gericht Bestand hätte.

Die erste Frage, die mir in den Sinn kam, als ich dies hörte: Warum unterschreibt jemand soetwas? Die Erklärung folgte kurz darauf: für den Dreh gab es laut dem Beitrag 2000 EUR. Die Zahlen stehen zwar für mich nicht wirklich im Verhältnis und der Betrag erscheint mir auch etwas niedrig. Ich weiss allerding auch nicht, wieviel Zeit die Dreharbeiten tatsächlich einnehmen und welche „Einschränkungen“ die Personen eingehen müssen.. Aber einer Familie, der es finanziell nicht gut geht, für die sind 2000 EUR eine Menge Geld und man weiss auch nicht, wie den Personen der Vertrag „schmackhaft“ gemacht wird.

Im Beitrag wird auch erwähnt, dass aufgrund der ganzen Technik wie Scheinwerfer etc. ca. 900 EUR Stromkosten angefallen sein sollen und zwei Wohnwagen mit Wasser etc. ebenfalls auf Kosten der Familie versorgt wurden. Ein Punkt, den ich nicht so recht glauben kann. Wissen tut man es natürlich nicht, aber so knausrig sollte selbst RTL nicht sein.

Wenn aber die Vorwürfe nun tatsächlich stimmen, die Leute mit diesen Verträgen unter Druck gesetzt werden, frage ich mich, wieso hier niemand eingreift. Offenbar gibt es ja diese Verträge und man hat somit den Beweis bzw. wenn diese Verträge rechtlich nicht zulässig sind, kann man doch auch gegen die Sender vorgehen. Soweit ich das verstanden habe, sind die jeweiligen Landesmedienanstalten für die Aufsicht über die Sender zuständig. Warum also agiert man seitens dieser Einrichtungen nicht? Warum ermuntern die Nachrichten-Teams, welche die betroffenen Menschen dann nach den Sendungen interviewen, um die Methoden „aufzudecken“, nicht dazu, gegen diese Methoden vorzugehen? Ist dies nicht auch ähnlich verwerflich wie die Ignoranz der Sender bzgl. ihrer „Hauptdarsteller“? Ich finde ja.

Auch stellt sich mir die Frage, inwieweit die Teilnehmer selbst zumindest eine „Mitschuld“ tragen. Mir ist klar, dass ich nun etliche böse Kommentare provoziere, wie man denn den Leuten die Schuld geben könne. Warscheinlich nutzt man hier die Situation der Menschen aus – ja, wahrscheinlich. Dennoch muss ich die Frage stellen, wieso die Menschen all dies tun. Ihre Kinder vor der Kamera schlagen, rauchen lassen, sich gegenseitig anschreihen. Der Druck wegen dem Vertrag oder ähnliche Punkte – ja. Aber wenn die Leute dies alles spielen „müssen“, kommt da nicht irgendwann einmal der Punkt wo man sagt: „Nein, das mache ich nicht“ und somit seinen eigenen Stolz bewahrt?

„Die werden ja gezwungen“ – wahrscheinlich ist das so. Dies führt mich jedoch wieder zu der obigen Frage: Warum schreitet hier niemand ein? Wenn es doch so offensichtlich ist!

Wie oben erwähnt, so bin ich der Meinung, dass bestimmte Dinge gesellschaftlich thematisiert werden müssen und dies auch möglichst einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt werden sollte. Natürlich ohne Druck, ohne Manipulation, ohne Leute vorzuführen. Warum aber passiert dies nicht? Sind wir – die Gesellschaft – nicht irgendwie selbst schuld? Wollen wir nicht Skandale, Aufregerthemen, uns mit dem Leid der anderen von unseren eigenen Problemen ablenken?

Wir tun immer so, als ob wenn wir doch so gegen diese ganzen Dinge sind. Alle schimpfen auf die Tageszeitung mit den 4 grossen Buchstaben, keiner kauft sie und dennoch ist es eine der auflagenstärksten Tageszeitungen des Landes. Boulevard-Zeitungen gibt es in verschiedenen Arten und alle überleben irgendwie. Wie, wenn es keinen interessiert wer gerade wo welchen Skandal hat. Wie wenn sie niemand kauft? Auch erinnere ich mich, als vor einigen Wochen kurz nach dem Rücktritt von Steve Jobs von seinem Apple-Chefposten ein (gefaktes?) Bild durch die ganzen sozialen Kanäle wieder und wieder retweetet, geteilt, weitergeleitet und verlinkt wurde, auf welchem er in einem sehr schlechten Zustand dargestellt wurde. Und nach seinem Tod gab es ein ähnliches Bild auf dem Titel bereits erwähnter 4Buchstaben-Tageszeitung welches ganz bestimmt mit Rücksicht auf den Verstorbenen abgedruckt wurde. Und die gleiche Rücksicht wird wohl dafür gesorgt haben, dass niemand, ja absolut niemand diese Ausgabe gekauft hat – einfach aus Protest. – Natürlich war dies nicht der Fall. Das Bild wurde mAn aus purer Berechnung auf den Titel gebracht und ganz viele haben diese Ausgabe gekauft. Warum? Weil die Masse, die Gesellschaft, sich einen Sch**ss dafür interessiert wie die Hintergründe sind.

Nein, damit will ich die Methoden keineswegs legitimieren.

Welche Alternative haben wir also, solche Themen aufmerksamkeitsstark zur Diskussion zu stellen und durch diese Beiträge anderen Menschen/Familien/Betroffenen zu helfen? Und noch wichtiger: wie kann man sicherstellen, dass diese Beiträge dann ehrlich, unmanipuliert und aufrichtig sind und die Protagonisten nicht vorgeführt werden?

Aber die wichtigste Frage: wie schafft man es, dass sich die breite Masse – die Gesellschaft – dann auch noch tatsächlich dafür interessiert?

Steve Rueckwardt

Veröffentlicht von

steve-r.de

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was mich stört, ist genau die Ethikdiskussion. Eine Ethik-Kommision liefert die Rechtfertigung für die sogenannte Energiewende. Die Wirtschaft soll ethisch und per Gesetz zu Frauenquote getrieben werden. Wenn sich jemand, warum auch immer, in irgendwelchen Soap´s verkauft ist sein Problem.

    Ein wenig weniger Ethik bzw. „Gutmenschentum“ würden diesem Land gut zu gesicht stehen. Freiheit und Eigenverantwortung sind durch nichts zu ersetzen. Eigenes Denken kann nicht durch Medienkonsum ersetzt werden.

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