ESC 2011 – verliert der Eurovision Song Contest an Attraktivität?

Der Eurovision Song Contest 2010 war einer der prägensten ESCs seit ich diese Veranstaltung verfolge. Im Vorfeld war die Nation wie so oft gespalten. Die eine Seite war Feuer und Flamme für Lena, die andere Seite war genervt und wollte davon nichts wissen. Wie der Contest im letzten Jahr ausgegangen ist wissen wir.

Auch in diesem Jahr habe ich mich wieder auf den ESC gefreut. Die beiden Halbfinale habe ich – bewusst – nicht verfolgt. Ich wollte einfach an dem Abend die Show geniessen ohne im Vorfeld einen Grossteil der Acts gesehen zu haben. Den Abend habe ich letztes Jahr im kleinen Kreis mit Freunden verbracht und so war es auch in diesem Jahr angedacht. In geselliger Runde macht es doch einfach mehr Spass. Wir vergeben sogar unser eigenes Ranking. :chuckle:

Um 21:00 Uhr ging dann der Song Contest los. Zwischen Judith Rakers und der wirklich fabelhaften Anke Engelke wirkte Stefan Raab anfangs etwas verloren und ich hatte auch kurz den Eindruck, dass er doch sehr aufgeregt war.Verständlich, sollen die Sendung doch über 120 Millionen Menschen gesehen haben. Selbst für einen erfolgsverwöhnten Entertainer wie Raab dürfte dies eine neue Dimension gewesen sein.

Dann kam der Opener des Abends. Für gewöhnlich singt der Vorjahressieger seinen Siegertitel des letzten Jahres und eröffnet damit den Song Contest. In diesem Jahr war dies nun ungleich schwieriger, da Lena erneut angetreten ist. Die Lösung welche sich die Veranstalter haben einfallen lassen, sollte dann – zumindest aus meiner Sicht – mit der beste Auftritt des ganzen Abends werden. Eine etwas rockigere Version von Satellite eingeleitet von Stefan mit einem Gitarrenintro. Dann folgten noch 25 42 Lena-Doubles – jede mit der Fahne eines der Teilnehmerländer des Abends. Eine tolle Idee. Lena kam dann auch noch auf die Bühne und komplettierte diesen doch sehr gelungenen Start der Show.

Ich habe via Twitter den Abend kommentiert und natürlich auch die Kommentare in meiner Timeline verfolgt. Beeindruckend fand ich, dass man den ESC offenbar sogar in Übersee verfolgte. Jeff Jarvis, ein doch sehr bekannter Journalist und Autor aus New York hat ebenfalls über Twitter den ESC kommentiert.

Nachdem die ersten 5 Auftritte durch waren, war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte jedes Jahr Teilnehmer, deren Beiträge mir so gar nicht zugesagt haben. Bei der Anzahl an Acts ist das aber ok – es kann einem ja nicht alles gefallen. In diesem Jahr war es meiner Ansicht nach sehr ausgeprägt. Der Grossteil der Beiträge hat mich überhaupt nicht erreicht. Klar, Geschmäcker sind verschieden, aber so viel, was mich rein gar nicht anspricht?

Via Twitter stellte ich dann fest, dass es wohl anderen auch so geht. Zwischendurch kamen dann doch noch ein paar wenige gute Lieder bzw. Auftritte. Ein zweiter Sieg von Lena nacheinander – so wirklich hat daran wohl niemand geglaubt. Nachdem die ersten Lieder vorbei waren, fragte ich mich jedoch ernsthaft, ob es nicht doch möglich ist.

Mit dem Voting begann der spannende Teil des Abends. Meine persönliche Top10:

  • 1 Point to Grossbritanien
  • 2 Points to Slovenien
  • 3 Points to Moldawien
  • 4 Points to Schweden
  • 5 Points to Serbien
  • 6 Points to Österreich
  • 7 Points to Island
  • 8 Points to Georgien
  • 10 Points to Schweiz
  • 12 Points to Deutschland

Selbst wenn man den Lokalpatriotismus einmal weglässt und auch regelkonform nicht für das eigene Land abstimmt: meine Liste hat mit dem dann tatsächlichen Ergebnis leider nicht sehr viel gemeinsam. Wie bereits erwähnt, so sind die Geschmäcker verschieden – aber wie dann im Voting die Punkte vergeben wurden sorgte bei mir grösstenteils für Unverständnis. Ich hatte stellenweise den Eindruck, die anderen Länder haben eine andere Show gesehen als wir. Und dann das: 10 Punkte von Deutschland für den griechischen Beitrag! Bitte? Allgemein fand der griechische Teilnehmer recht viel Zuspruch, ebenso wie auch der spätere Gewinnerbeitrag von Aserbaidschan. Beide waren für meinen Geschmack nichts besonderes und so weit vorn habe ich so auch nicht erwartet.

Der zweitplatzierte Italien war vom Stil her ein wirklich schönes Lied, welches gut zum ESC passt. Ich empfand jedoch die Stimme des Sängers nicht gut und somit ist das Lied in meinem Ranking aus den Top10 geflogen. Ein für mich sehr angenehmer Song war „The Secret is love“ von Nadine Beiler aus Österreich – mit Platzierung 18 deutlich unterbewertet, ebenso wie der schweizer Beitrag von Anna Rossinelli, welcher bedauerlicherweise auf dem letzten Platz landete.

In diesem Jahr wurde leider wieder einmal deutlich, dass das System der Bewertung überarbeitet werden sollte. Mir geht es nicht darum, dass Lena „nur“ Platz 10 belegt hat. Denn Platz 10 ist wirklich gut, wenn man bedenkt, dass sie das zweite Jahr in Folge angetreten ist. Da war so mancher Beitrag unserer Nation in den letzten Jahren wesentlich schlechter platziert.

Nachbarschaftshilfe ist an sich nicht verwerflich. Jedoch ist seit mehreren Jahren ein stetes hin- und herschieben der Punkte ersichtlich. Dies kann doch nicht der Sinn dieser Veranstaltung sein. Ich vermisse Beiträge, bei denen der Focus mehr auf dem Gesang und weniger auf der „Show“ liegt und die auch genau aus diesem Grund, nämlich dem Gesang wegen, entsprechende Punkte auf sich vereinen. Warum gibt es dieses 50:50 Regel – wieso muss bzw. soll hier noch 50% des jeweiligen Landesvotums durch eine Jury bestimmt werden? Aber ob sich durch ein ausschliessliches Zuschauervotum etwas ändert? Ich weiss es nicht. Aber so, wie es die letzten Jahre und eben auch am gestrigen Abend gelaufen ist, wird der ESC meiner Ansicht nach immer mehr an Attraktivität verlieren. Ich weiss nicht, wie andere dies empfunden haben, sowohl in Deutschland wie auch in anderen Ländern. Nachdem, was ich auf Twitter verfolgt habe sehe ich dies offenbar nicht allein so.

Die Show an sich fand ich gelungen, die enorme LED-Wand war wirklich sehr imposant und Jan Delay als Pausen-Act zu buchen fand ich auch sehr ausgefallen – im positiven Sinne. Als Gastgeber haben wir eine echt gute Figur gemacht.

Vielleicht erkennen die Verantwortlichen diese Problematik der Punkteverteilung und versuchen hier zukünftig gegenzusteuern. Wenn die Votings vom Grossteil der Länder recht vorhersehbar bleiben, wartet man auf die notwendige Spannung leider vergebens.

Wer am gestrigen Abend keine Zeit oder Gelegenheit hatte, die Veranstaltung anzuschauen, der findet im Blog von Thomas eine komplette Liste der jeweiligen Videos von allen Beiträgen des ESC-Finales 2011.

Steve Rueckwardt

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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ich stimme dir hier mal in allem zu. Die ganze Show an sich war für mich schon das Highlight… und zwar das Rahmenprogramm jeglicher Art, alle Aufmachungen und besonders das Preludium ;)

    Die Acts waren mir dann schon fast ein bissel egal. Ich find Platz 10 Super. Man beachte, daß alle, die Raab in den letzten Jahren woauchimmer ins Rennen geschickt hat, wirklich erfolg hatten. Lena hatte nen aussergewöhnlich guten Auftritt. Eigentl. ist sie nicht gerade eine grandiose Sängerin. Aber diesmal hat sie mich echt geflashed. Ist näml. sauschwer zu singen der Titel.

    Ich fand den Grand Prix das 1. Mal richtig „modern“ und „unterhaltsam“. Raus aus dem offiziell traditionell geprägten Larifari. (Auch wenn Norwegen sich Mühe gegeben hat). Das war gestern Oberklasse.

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