Twitter ist tot – Es lebe Twitter | Warum Google+ Twitter nicht schadet

Seit dem 30.06.2011 ist es da – der neue Spielplatz für alle Social-Media Freunde und Social-Network-Liebhaber: Google+

Meinen ersten Eindruck zum neuen Netzwerk hatte ich bereits geschildert.

Wurden anfangs noch viele Stimmen laut, Google+ sei ein klarer Herausforderer von Facebook, so änderte sich dies recht schnell in die Richtung von Twitter. So schreibt Sascha Lobo in seiner Spiegel Online Kolumne am 06.07.2011:

Vordergründig scheint es sich um einen ähnlich gestalteten Konkurrenten für Facebook zu handeln. Google+ hat dieses Label auch aus der Hoffnung bekommen, der weltweite Massenmarkt für Social Networks möge nicht nur aus Facebook bestehen. Aber Google+ ist kein Facebook-Konkurrent. Google+ ist eine Medienrevolution im Pelz eines Facebook-Konkurrenten.

und weiter

Google+ hat das seit Jahren nicht weiterentwickelte Konzept von Twitter als Nachrichtenkanal mit selbstwählbaren Quellen von einer einzelnen Plattform auf das gesamte Netz übertragen. Es könnte Twitter damit auf sehr hohem Niveau in die ewige Nische verbannen.

In einem Interview auf detektor.fm sagt Mario Sixtus:

Twitter ist ja mit dieser 140 Zeichen Einschränkung sehr nerdy und sehr kauzig eigentlich. Diese Einschränkung braucht kein Mensch mehr.

Ähnliches schreibt am 05.07.2011 bereits Nico Lumma in seinem Artikel „Twitter ist konzeptionell am Ende“ und prognostiziert sogar, dass Twitter binnen der folgenden 12 Monate gekauft und sein Dasein lediglich noch als Feature fristen wird.

Google+ – keine Freunde, keine Zeichenbegrenzung = Erfolgsgeheimnis?

Wenn die in der Webwelt so bekannten Namen das sagen muss ja etwas dran sein, oder? Ganz unrecht haben Sie nicht. Google+ einzig als Wettbewerber zu Facebook darzustellen ist zu einfach. Das neue Social Network ist sehr wohl eine recht gelungene Mischung aus Facebook, Twitter und Newsdiensten. Im Moment ist es immer noch in der Testphase, einige – für mich – wichtige Grundfunktionalitäten und Features fehlen. Noch! Es ist stark davon auszugehen, dass Google hier in den kommenden Wochen und Monaten nachlegen und auch das Feedback der User dabei berücksichtigen wird.

Facebook mit seinen ca. 750 Millionen Usern hat einen recht komfortablen Vorsprung. Von heute auf morgen wird Facebook also nicht verschwinden. Aktuell läuft hierzu auch eine Umfrage von Carsten Knobloch ob User Facebook zu Gunsten von Google+ aufgeben. Aber was ist mit Twitter?

Im Vergleich mit Facebook hat Twitter eine deutlich geringere Nutzerzahl. Aus meiner Sicht auch nicht sehr verwunderlich. Der Grossteil der Menschen ist zwar im Internet, steht aber SocialMedia Diensten eher etwas skeptisch gegenüber. Viele wissen nichts damit anzufangen bzw. sind von übertrieben negativ dargestellten Medienberichten hinsichtlich Datenschutz etc. verunsichert. Man wird von Freunden zu Facebook eingeladen und irgendwann beugt man sich dem „Druck“ und registriert sich. Viele erkennen die Möglichkeiten welche sich bieten nur bedingt. „Ich kann da mit meinen Freunden und Bekannten kommunizieren“ höre ich oft, wenn ich bei etwas weniger versierten Nutzern nachfrage. Diese Sichtweise ist ja auch nicht falsch. Bei Twitter ist das Verständnis, was man da soll und zu was das eigentlich gut ist etwas weniger verständlich zu machen.

Freundesbeziehungen in dem Sinne gibt es nicht und grundlegend liest ersteinmal jeder alles was man schreibt. Sicher, man kann seine Tweets schützen und so lesen nur die Follower, welche man bestätigt. Dies ist jedoch meiner Ansicht nach nicht im Sinne der Twitter-Idee. Hinzu kommt, dass die „Botschaften“ eine maximale Zeichenanzahl von 140 haben. Das Mitzuteilende also auch noch zu komprimieren lässt die Attraktivität für die Masse sinken.

Schliesst Google+ die Lücke?

Mit Google+ hat Google nun ein Netzwerk geschaffen, welches irgendwo zwischen Facebook und Twitter liegt. Von beiden Netzwerken wurden die guten Dinge in Google+ eingebracht und die eher als negativ zu sehenden optimiert und verbessert umgesetzt. Wird also Google+ die beiden bekannten Netzwerke verdrängen? Ich denke nein.

Google+ hat Potenzial, keine Frage. Es bietet viele interessante Möglichkeiten. So überrascht wie manch einer bin ich jedoch von dem rasenten Nutzerwachstum nicht. SocialMedia ist allgemein ein wachsendes Themengebiet und viele Millionen Nutzer sind in diversen sozialen Netzwerken vertreten. Die Heavy-User unter Ihnen waren auch die ersten Nutzer auf Google+. Aufgrund der recht guten Vernetzung dieser Viel-Nutzer waren diese über die Invites recht schnell nahezu vollständig im neuen Netzwerk vertreten. Durch deren Berichterstattung auf Twitter und in Blogbeiträgen wurden auch die Nutzer neugierig gemacht, welche das Netz nicht ganz so intensiv nutzen. Hinzu kommt noch allgemeine Neugier und vielleicht auch die vage Hoffnung, mit Google+ wird nun alles etwas anders als bei Facebook.

In knapp 2 Wochen bereits 10 Millionen Nutzer zu haben ist sicherlich respektabel, aber wirklich verwunderlich oder eine Sensation? Nein.

Wird Twitter durch Google+ verdrängt?

Wird Google+ den 140-Zeichen-Dienst Twitter überflüssig machen? Fakt ist: das Following-Follower-Prinzip hat Google von Twitter übernommen. Es bedarf keiner expliziten Willenserklärung beider Seiten um sich miteinander zu verbinden. Jeder kann jedem folgen und ob man zurückfolgt oder nicht entscheidet ebenso jeder für sich selbst. Dies macht die Vernetzung natürlich deutlich einfacher. Dieser Umstand wird jedoch aus meiner Sicht nicht der Grund sein, aus welchem der Grossteil der Nutzer zu Google+ pilgert. Die Masse will Kommunikation mit Freunden und Bekannten, nicht mit ihnen Unbekannten. Sicher gibt es bei Google+ die viel leichter verständliche Möglichkeit, gezielt Posts an bestimmte Personen zu richten und dabei alle anderen aussen vor zu lassen. „Wir“ als die sogenannten „Digital Natives“ verstehen das und nutzen es womöglich auch. Aber die breite Masse? Kann man ihr dieses Prinzip verständlich machen? Wird sie es verstehen und dann auch nutzen wollen? Schwierig, denke ich und es bleibt abzuwarten.

Das Google+ Twitter verdrängen wird halte ich für Quatsch. Manch einer wird vielleicht Twitter zu Gunsten von Google+ vernachlässigen, aber die Prinzipien und Zielgruppen beider Netzwerke sind für mich nicht deckungsgleich sondern überschneiden sich lediglich in geringem Umfang. Der Aussage von Mario Sixtus in oben erwähntem Interview möchte ich sogar entschieden wiedersprechen: diese 140-Zeichen-Beschränkung braucht sicherlich nicht jeder, aber für mich macht sie gerade den Reiz von Twitter aus. Gedanken einfach in aller Kürze, knapp und prägnant zu formulieren, dass ist es, was ich u.a. an Twitter so mag und schätze.

„Dies kann man doch bei Google+ auch“ wird jetzt der ein oder andere sagen – ja, kann man. Man kann sogar mehr schreiben als diese 140 Zeichen. Auch das hat Vorteile. Auch die Möglichkeit die Statements direkt kommentieren zu können ist schön und fördert den Austausch. Alles schön. Alles gut. Aber Twitter ist nicht nur Broadcast, wie Nico Lummer in seinem Artikel ausführt. Twitter schafft auch Kommunikation. Anders, irgendwie spezieller, aber deswegen nicht weniger schlecht oder weniger sinnvoll. Karsten Sauer hat es mit seinem Artikel kurz und knapp auf den Punkt gebracht – So einfach. Und so mag ich das!

Fazit

Das was Google mit Google+ geschaffen hat ist wirklich gelungen. Bedenkt man, dass es sich derzeit noch immer um eine mehr oder minder geschlossene Testphase handelt und in den kommenden Wochen und Monaten mit einigen Ergänzungen, Verbesserungen und Erweiterungen zu rechnen ist, so wird sich die Nutzerzahl nach der Öffnung (voraussichtl. Ende Juli) sicherlich weiter rasant steigern. Facebook oder Twitter wird es jedoch nicht ablösen oder verdrängen. Google+ ist irgendetwas zwischen Facebook und Twitter. Dies wird sich ggfs. durch Erweiterungen und neue Features in die ein oder andere Richtung entwickeln. Ich persönlich sehe jedoch Google+ mehr als Wettbewerber zu Facebook denn zu Twitter. Twitter ist ein recht spezieller und in gewisser Weise auch immer noch ein Dienst für eine – wenn auch beachtliche – „Nische“. Twitter ist so wie es ist gut und erfüllt – zumindest für mich – meine Erwartungen an dieses Angebot.

In den kommenden Wochen und Monaten werden wir sehen wie sich Google+ entwickelt. Die aktuellen Aussagen, bei Google+ sei wesentlich mehr Kommunikation und Interaktion als bei Facebook, werden sich legen und es wird ein digitaler Alltag auch in dieses Netzwerk einziehen. Der anfängliche Hype wird abklingen und dann kann man wesentlich realistischer einschätzen, wohin die Reise genau gehen wird.

Ich werde Facebook und Google+ vorerst in gleichem Masse nutzen. An meinem Nutzungsverhalten bei Twitter werde ich auch nichts ändern. In Zement gefasst ist dies natürlich nicht – weiss doch niemand wie das alles in einem Monat oder einem Jahr aussieht. Jedoch Twitter zu Gunsten von Google+ aufgeben kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Twitter erfüllt etwas, was weder Facebook noch Google+ ermöglichen. Und ich glaube, im Web ist durchaus Platz für ein Netzwerk wie Google+ ohne dass ein anderes hierfür seinen Platz räumen muss.

Steve Rueckwardt

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10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Für mich ist Twitter ein Kurznachrichtendienst und ein Kommunikationsmittel. Die Nachricht ist in vielen Fällen ganz klar wichtiger als der Autor.
    Das ist wohl bei Google+ nicht so. Ich nutze es als soziales Netzwerk, kommentiere Beiträge anderer, sehe mir deren Profile an, gucke, was die so bei Twitter schreiben. Irgendwie ist es total anders.

    Für mich (also in meinem Gebrauch) ist Google+ ganz klar eine Konkurrenz zu Facebook.

  2. Interesante Betrachtung der großkopferten SoMe-Landschaft 07/2011! Google+ muss mächtig nachlegen in Sachen Kuscheligkeit und Zuckerguss, um auch nur einen annähernd interessantes Stückchen Kuchen von Facebook zu klauen. Bislang fühlt es sich aber kalt, technokratisch, nerdig und typisch Google an. Technokraten und Formeljünger – nichts, was Menschen um sich herum sammelt. Momentan kann ich keine Anziehungskraft für den ‚gemeinen‘ User ausmachen. Da muss noch einiges kommen – an Funktionalität und Plüsch – sonst wird das nix mit der Masse. Warten wir es ab!

  3. Ich nutze derzeit Twitter noch mehr, schlicht weil Frontends für mobile Geräte existieren und es eben Usus geworden ist. Wenn ich mir Google+ aber ansehe, finde ich vieles, was ich auf Twitter vermisse – und das führt hoffentlich dazu, dass an dem Dienst weiter gearbeitet wird. Twitter hat ein großes Problem: es wird aber einer gewissen Anzahl von Followings schnell unübersichtlich. Hier hat Google mit den Circles die Nase vorne, dazu kommen die übersichtlichen Threads… mir gefällt’s.

    Und Facebook? Naja, Mainstream halt. Wird bei mir wohl weniger werden, wenn die User auf Google+ verfügbar sind. Ich mag die blöden Gimmicks dort nicht.

    • Steve Rueckwardt

      Das Twitter das ein oder andere weiter entwicklen kann mag ich gar nicht bestreiten. :)

      Und das mit den „Gimmicks“ – warte mal noch ein paar Wochen. Gibts na API haste auch Deine „Gimmicks“ :)

  4. Twitter ist also fast tot. Wegen mangelnder Innovationskraft. Kinder, Kinder.

    Nach Drücken der Tasten ‚CMD + F‘ und dem Eingeben des Wortes ‚Usability‘ in die Suchmaske wurden leider 0 Ergebnisse im obigen Text gefunden. Doof das. Denn bei diesem erfolgskritischen Kriterium kann Google+ Twitter dummerweise nicht das Wasser reichen.

    @tiffany_hotgirl, @schwanzgeil, @sexluder und ihre Freundinnen legen sicher keinen gesteigerten Wert auf Circles und die ganzen anderen Features. Auf diese hochprofessionellen Tools der Kommunikationsadministration. Die wollen nicht lange rummachen, sondern gleich zur Sache kommen.

    Bamm, ein Textfeld, 140 Zeichen reinstoßen, absenden. Da kann der letzte No-Brainer nix falsch machen. Die Bedienung beherrschen 98% aller RTL2-Zuschauer.

    Wer also einen Sinn in der Nutzung von Twitter erkennt, kann sofort loslegen. Auch von Unterwegs. Quasi zwischen zwei Freiern. Oder als Musiker aus dem Tourbus raus. Bei einer Dose Faxe.

    Twitter bietet genau zwei Funktionalitäten: Nachrichten senden und Nachrichten empfangen. Die Organisation des Streams ist denkbar einfach.

    Circles dagegen. Solche Circles sind doch schon wieder der Overkill für die Massennutzung. Braucht kein Schwein. Auch sonst, wie von Kollege Sauer schon ausgeführt, ist das Ding weder Fisch noch Fleisch.

    Gegen Facebook anstinken? Vergiss es. Dafür fehlen die Apps, Farmville & Co. All diese sinnlosen bunten virtual Goodies, die in noch sinnloseren Games erstanden werden können und auf den sinnlosesten Timelines zu bewundern sind. Die Werbung, die Abzockversuche, das Menscheln, die Trolle, die plumpen Anmachversuche, das Stalking.

    Das ist nicht so einfach zu kopieren, no chance.

    Ne, Google+ ist ganz nett, um sich inspirieren zu lassen, aber absolut nicht massenmarkttauglich. Und damit gänzlich irrelevant als Social Network.

    • Steve Rueckwardt

      @Thilo: Die Usability finde ich persönlich nicht schlecht, deswegen habe ich daran auch nichts auszusetzen und es demzufolge auch im Text nicht erwähnt. ;)

      Viele Deiner Kritikpunkte sind verständlich, berücksichtigen aber wohl nicht, dass G+ derzeit ja noch im „Probebetrieb“ ist. Ich glaube, dass wir in 2-3 Monaten auch Apps und Games auf G+ finden werden. Die API ist ja quasi schon angekündigt.

      Das Einzige, wo ich ggfs. den Knackpunkt sehe ist auch die Circle-Geschichte. Ob der breiten Masse das eher unverbindliche Prinzip des Following, ohne Bestätigung der Gegenseite, verständlich zu machen ist? Ich denke eher nein. Die Masse will Freunde haben und nur mit diesen teilen. Der momentane Hype wird sicher irgendwann nachlassen und dann wird der Alltag einziehen. Aber letztlich werden wir sehen wie es sich entwicklt.

  5. @Thilo: unterschreib ich alles. Nur: was ist falsch, z.B. die halbherzig implementierten Listen auf Twitter mal etwas auf Vordermann zu bringen, sprich so zu programmieren, dass man selektiv Tweets an sie senden und empfangen kann? Oder eine einfache Filterfunktion? Konsistente Funktionen auf allen Clients, wenn sie schon von einem Anbieter kommen? Oder mal die Bugs auf den Clients fixen, die so offensichtlich sind, dass man schier drüber fliegt? Das würde Twitter jedenfalls nicht komplizierter machen.

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